Von
Walter Dennstedt, Mittelbayerische Zeitung
NEUENSCHWAND. Wolfgang hält eine Zwiebel
in der Hand. Langsam schält er die Blätter
ab, sagt immer wieder etwas wie "Wiäbl".
Der Mittfünfziger ist ein Bewohner des
Hauses Jägerhof in Frauenthal, einer Einrichtung
für Menschen mit schweren Behinderungen.
Und er ist an diesem heißen Nachmittag
bereits das dritte Mal auf dem Bauernhof der
Familie Dahlem in Neuenschwand, Kreis Schwandorf.
Dass Wolfgang hier auf dem Bauernhof ist, hat
er einer Idee des "Forums für Umwelt,
Kultur und Soziales" (FUKS) mit Sitz in
Neunburg zu verdanken. Und Wolfgang macht hier,
wie bei jedem der vorausgegangenen Besuche,
eine neue Erfahrung sinnlich und handfest. Josefine
Kiener, die Projektbetreuerin vom FUKS, entwickelte
zusammen mit ehrenamtlichen Beteuern, die gleichzeitig
den Beruf des Heilerziehungspflegers erlernen,
das Modell. Und schon nach drei "Sitzungen"
auf dem Biohof in Neuenschwand zeigen sich beachtliche
Erfolge. Ein autoaggressiver Mensch, der sich
täglich mehrere hundert Mal gegen den Kopf
schlägt, sei etwa nach der Begegnung mit
den Tieren wesentlich ruhiger und weniger aggressiv
gegen sich gewesen.
Therapien mit Tieren sind kein Neuland mehr.
Pferde- oder Delphintherapien sind bekannt und
anerkannt die Begegnung mit Tieren im heimischen
Stall indes ist Neuland. Da kommt es der FUKS
gelegen, dass der Biohof der Familie Dahlem
nicht nur sehr zahme Tiere hat, sondern diese
auch sehr gut an Menschen gewöhnt sind.
Dafür sorgen die Kinder der Dahlems.
Vor Wolfgang liegt in einer Plastikkiste frische,
unversponnene Schafwolle. Während er durchaus
den Gegenstand "a Woll" benennen kann,
weigert er sich, seine Schuhe auszuziehen und
barfuß auf die Wolle zu treten. "Na!",
sagt er bestimmt.
Behinderten die Welt der Natur zu erschließen,
war Neuland und so setzte man sich beim FUKS
zusammen, um die bei Schulklassen und sonstigen
Besuchergruppen erprobten Angebote auf Behinderte
maßzuschneidern. Dabei musste anfangs
freilich Einiges gelernt werden von beiden Seiten.
Behinderte, die sich beim Lehmofenbau erstmals
richtig schmutzig machen durften, fragten schon
mal nach, was wohl die Wäscherei zu der
"Sauerei" sage die Betreuer mussten
lernen, mit Menschen mit multiplen Behinderungen
umzugehen, sie anzuleiten und zu führen.
Als Wolfgang dann wenig später immer heftiger
drängt, er möchte "fäitern",
geben die Betreuer schließlich nach und
der schattige Platz unterm Stadltor wird für
einen Gang ins Gehege mit Enten, Truthühnern
und Pfauen aufgegeben. Hier dürfen sechs
Menschen mit Behinderung die Tiere füttern
und sie streicheln. Das ist für viele eine
neue Erfahrung.
Das Projekt wird von dem Heilerziehungspfleger
und Erlebnispädagogen Günter Nagel
wissenschaftlich begleitet, die Ergebnisse werden
in einem Bewertungsbogen festgehalten. Dass
die Menschen mehr Lebensqualität durch
den Besuch eines Bauernhofes erreichen können,
dürfte hier endgültig bewiesen werden.
Dabei steht den Behinderten selbst die ganze
Möglichkeit des Kontaktes offen auf der
"archaischen Ebene", wie Kiener sagt.
Bisher ist das Modell auf dieses Jahr beschränkt.
Angesichts 70 Prozent Zuschuss des bayerischen
Umweltministeriums kann den Behinderteneinrichtungen
das Angebot kostenlos gemacht werden, bei den
leeren Kassen der zuständigen Bezirksregierung
sicherlich ein nicht zu unterschätzender
Aspekt. Josefine Kiener hatte beim Umweltministerium
mit ihrer Idee offene Türen eingerannt.
Nun sucht sie weitere Fördermöglichkeiten.
Grenzüberschreitendes Projekt
Die Hoffnung liegt dabei auf der Europäischen
Union. Denn das Projekt ist gleichzeitig als
grenzüberschreitende Veranstaltung angelegt,
eine Behinderteneinrichtung in Tschechien, südlich
von Pilsen, will daran teilnehmen. In Zusammenarbeit
mit anderen Umweltbildungseinrichtungen in Bayern
soll eine Internet-Homepage erstellt werden,
auf der die Angebote erstmals konzentriert dargestellt
werden.
Wolfgang genießt derweil den Augenblick:
Selig streichelt er, augenscheinlich ganz zart,
ein Entchen, das ihm Tanja Dahlem entgegen hält.
Artikel
von wdennste vom 28.06.2003