STARTSEITE

JAHRESPROGRAMM

PROJEKTE
ÜBER UNS
KONTAKT
IMPRESSUM
ARCHIV
LINKS

 

 

FUKS • FORUM FÜR UMWELT, KULTUR UND SOZIALES E. V.
Ergänzende Beiträge
Das Klimamenetekel
 

Hartmut Will, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (München)

Der folgende Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung dem Heft 1 "Das Klimamenetekel" der Schriftenreihe "Die Zukunft wird ANDERS" der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (Hrg.) entnommen. Hartmut Will referierte bereits bei den Umwelttagen 2000 in Neunburg v. W.



Quelle: Münchener Rück, "Überschwemmung und Versicherung", 1997

 

 

 

 

Der Treibhauseffekt ist eine Tatsache.
Er wurde zum ersten Male bereits 1896, also vor mehr als 100 Jahren, von dem schwedischen Physiker und Chemiker Arrhenius in einer wissenschaftlichen Arbeit beschrieben. Er berechnete, dass eine Verdoppelung der atmosphärischen CO2-Konzentration eine durchschnittliche, weltweite Temperaturerhöhung um 4 -6 Grad Celsius bewirken würde.
Nach 1946 begannen exakte Messreihen zur Feststellung der CO2-Konzentration. Die Ergebnisse von Mauna Loa auf Hawaii, wo es keine Störungen durch lokale Einflüsse gibt, sind ein Beweis des tatsächlichen Konzentrationsanstieges.
Die Korrelation zur irdischen Durchschnittstemperatur wurde belegt durch Tiefbohrexperimente der damaligen sowjetischen Antarktisstation Vostok. In Zusammenarbeit mit einem französischen Forscherteam wurden die Bohrkerne von Bodenschichten analysiert, deren Alter lageentsprechend den aufeinanderfolgenden Erdperioden zugeordnet werden konnte. Die im Eis eingeschlossenen Luftblasen wurden nach der Methode des Schweizer Klimatologen Paul Oescher untersucht. Die Ergebnisse führten zur "Vostok-Sensation": Eine unerwartet präzise Korrelation zwischen Temperatur und CO2-Gehalt der Luft wurde zur Gewissheit.
In ihrem ersten Bericht an den Club of Rome 1972 prognostizierten die Autoren Meadows u.a. eine CO2- Konzentration von 365 ppm für die Zeit um das Jahr 1995. Die tatsächlich gemessenen Werte lagen im gleichen Jahr wirklich auf diesem Niveau!
Alle Untersuchungen der letzten Jahre bestätigten den verhängnisvollen Trend. Eine weltweit anerkannte Expertengruppe, das International Panel of Climate Change (IPCC), erwartet einen global durchschnittlichen Temperaturanstieg um ca. 3 Grad bis zum Jahre 2100.

Das zu erwartende Klima wird heute mit Hilfe von komplexen physikalischen Modellrechnungen und leistungsstarken Computern errechnet. Dabei wird der große Einfluss der Ozeane durch gekoppelte Atmosphäre-Ozean-Modelle berücksichtigt. Die Ergebnisse können als vertrauenswürdig gelten.

Wir haben bereits heute ein doppeltes Bild der Klimazukunft klar vor Augen:


- die starken Veränderungen, die sich bereits deutlich erkennbar ausbreiten und

- die Verschärfung der Probleme in überschaubarer Zukunft.

Der größte Rückversicherer der Welt, die Münchner Rückversicherungsgese1lschaft, registriert den effektiven Eintritt der Veränderungen durch genaue Erfassung der Schadenshäufigkeit und ihrer Ursachen.

Nach einer kurzen Entspannung in den vergangenen zwei Jahren wurden 1998 insgesamt 8 große Naturkatastrophen registriert, die diese Kriterien erfüllten.
Der Flächenanteil des Waldes als grüner Lunge für den Lufthaushalt ist weltweit von 36 % auf 23 % zurückgegangen !
Die Verbrennung fossiler Energieträger hat den CO2- Anteil der Atmosphäre in den letzten 100 Jahren um
25 % erhöht! Andere Spurengase wie Methan und Stickoxide nehmen noch rascher zu!
Das Jahr 1988 war das wärmste in seiner globalen Mitteltemperatur seit 130 Jahren, seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen! Alle folgenden Jahre haben bis heute den Temperaturanstieg noch übertroffen!
Der Anstieg der Meeresspiegel hat im vergangenen 20. Jahrhundert bereits den Wert von 10 cm erreicht. Für die nächsten 50 Jahre gilt ein weiterer, also zusätzlicher Anstieg um 60 cm als sehr wahrscheinlich !
Das sind Tatsachen, die - bis auf den künftigen Meeresspiegel - bereits vermessen sind. Sie sind unwiderlegbar und zu ihnen passt das Bild der tatsächlichen Wetterentwicklung.
Die Analyse der "großen Naturkatastrophen", und das sind die Ereignisse, die mit über 1.000 Toten und über 100.000 Obdachlosen enden, zeigt eine Verdreifachung in den letzten 10 Jahren gegenüber den 10 Jahren von 1960 bis 70. Eine Zunahme also von 300 % ! Um 900 % nahmen die volkswirtschaftlichen Schäden zu und der Anstieg der Versicherungsschäden erreichte monströse 1500 %!
Wir können uns nicht richtig vorstellen, was ein Temperaturanstieg von "nur" 3 Grad im globalen Durchschnitt bedeutet!
Zu einem sehr realistischen Vergleich bietet sich unsere Körpertemperatur an: Sie beträgt beim Gesunden 36,5 Grad. Mit "nur" 3 Grad mehr, mit 39 Grad Bluttemperatur sind wir krank, nicht mehr leistungsfähig und liegen zu Bett!
In der Natur spielen geringe Zahlen oder Mengen eine erhebliche Rolle. Abweichungen, die uns zunächst unwichtig erscheinen, führen zu gewaltigen Veränderungen. Wieder ist unser eigener Körper das beste Beispiel: Hormone und Enzyme steuern wichtigste Lebensfunktionen im Bereich weniger Milligramm, Abweichungen von Bruchteilen lassen uns ernsthaft erkranken. Fahruntüchtigkeit wird bereits mit einem halben Tausendstel Blutalkohol erreicht.
Bei einem solchen Vergleich dürfen wir nicht die Anpassungsfähigkeit eines Lebewesens mit dessen inneren Steuermechanismen verwechseln. Natürlich ist der Mensch in der Lage, innerhalb weniger Stunden seinen Lebensbereich zum Beispiel aus dem deutschen Winter in tropische Temperaturzonen zu verlegen. Der Mensch ist als in sich geschlossener Organismus sehr umstellungsfähig. Sein inneres, biologisches Regelwerk aber, welches unter anderem diese Anpassung ermöglicht, bleibt unter allen Bedingungen streng auf nahezu feste Werte eingestellt.
Genauso ist unsere Umwelt zu sehen: Das Klima ist das Ergebnis zahlreicher Faktoren. Neben Umlaufbahn um die Sonne und Neigung der Erdachse ist die Sonnenstrahlung der wichtigste Klimamotor. Sie liefert das 20.000fache der Energie, die sämtliche Kraftwerke der Erde produzieren können.
Dieser Energieeinfluss auf die Gashülle des Planeten führt zu den vertikalen und horizontalen Luftbewegungen, die über Temperatur, Niederschlag und Wind entscheiden. Wie dieser Sonneneinfluss auf die Atmosphäre sich aber auswirkt, das hängt von nur geringfügigen Änderungen der Zusammensetzung der Lufthülle ab. Sie besteht zu 78 % aus Stickstoff, zu 21 % aus Sauerstoff und zu 0,9% aus dem Edelgas Argon. Zusammen sind das 99,9 %, die aber mit zunehmender Erwärmung nichts zu tun haben. Allein jenes letzte Tausendstel der Atmosphäre besteht aus Kohlendioxid, Ozon und Methan, jenen Gasen - Spurengasen -, deren Menge über Erwärmung oder Abkühlung entscheiden. Hier begegnen wir wieder dem Phänomen in der Natur, dass entscheidende Einflüsse aus geringsten Potenzen hervorgehen können.
Diese Mengenverhältnisse vor Augen muss uns einfach klar werden, dass die von Haushalten, Verkehr und Industrie ausgehenden CO2-Mengen gewaltig sind, übermächtig im Verhältnis zu dem einen entscheidenden Tausendstel der Luft.
Lassen wir uns also von kleinen Zahlenwerten nicht täuschen über die immensen Ausmaße der Folgen!

Auswirkungen der Atmosphärenerwärmung auf das Sturmrisiko
Nicht nur die Lufthülle der Erde erwärmt sich spürbar, auch die Temperatur der Weltmeere steigt an. Das bedeutet einen intensivierten Energieaustausch und Verstärkung der vertikalen Umlagerungsprozesse. Sie sind die Grundlage für Gewitter, Hagelstürme, Tornados und Orkane.
Im Januar und Februar 1990 zog eine Serie von insgesamt 8 Winterstürmen über West- und Mitteleuropa hinweg und verursachte hier den größten Sturmschaden aller Zeiten. Von dem volkswirtschaftlichen Gesamtschaden in Höhe von rund 25 Mrd. DM entfällt auf die Versicherungswirtschaft wegen der hohen Versicherungsdichte in den betroffenen Ländern ein Anteil von voraussichtlich über 17 Mrd. DM. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was Hurrikan "Hugo" als nur kurzzeitiger Rekordhalter gekostet hat.

1 31.01. -02.02.53 "Holland"-Orkan
2 02.01. -04.01.76 "Capella"
3 15.10. -16.10.87 "Westeuropa"-Orkan (= Cat. 87J)
4 25.01. -26.01.90 "Daria" (= Cat. 90A)
5 03.02. -04.02.90 "Herta" (= Cat. 90D)
6 25.02. -27.02.90 "Vivian" (= Cat. 90G)
7 28.02. -01.03.90 "Wiebke"

Die Namen der Orkane stammen vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin, die Katastrophennummern vom Londoner Versicherungsmarkt
Quelle: Münchener Rück, "Sturm", 1990
Es ist absehbar, dass sowohl ihre Häufigkeit wie auch ihre Intensität immer weiter zunehmen werden. Die Sturmaktivitäten sind direkt mit der Wassertemperatur gekoppelt: Wird der kritische Wert von 27 Grad C erreicht, beginnt die Entwicklung von Sturm mit Hurrikan- Charakteristik.
Genaue Messungen aus dem Pazifik belegen, dass dort die Gebiete mit der kritischen Temperatur und darüber in den letzten 2 Jahrzehnten, also erst seit 1980, um ein Sechstel der Fläche zugenommen haben. Für den karibischen Raum kann als sicher gelten, dass dort in weiteren nur 20 Jahren eine Zunahme des Schadenspotenzials um mehr als 50 % stattfinden wird.
Wir erleben gegenwärtig die vielzitierte industrielle Globalisierung. So neu ist sie aber nicht. Seit Jahrzehnten wächst die Weltwirtschaft zusammen - und damit die gegenseitige Abhängigkeit geografisch weit voneinander entfernter Wirtschaftsgebiete.
Klimaschäden treffen uns in Deutschland auch dann, wenn sie in anderen Erdteilen entstehen. Die Gefährdung der schon jetzt exponierten Bevölkerungszentren und Industriegebiete an den Nordostküsten der USA, Australiens und Neuseelands, ebenso in ganz Japan, nimmt zu und trifft die gesamte, wirtschaftlich verbundene Welt.
Die Anzeichen für die künftige Entwicklung von Hurrikanen an westeuropäischen Küsten und im Mittelmeerbereich häufen sich. Zu diesen Vorzeichen zählt das zunehrnende Auftreten von "explosiven" Tiefdruckentwicklungen, die jeder Vorhersage davonlaufen, wie es am 2. Weihnachtstag 1999 in Frankreich, der Schweiz und in Süddeutschland geschah. Die Schäden in diesen dichtbesiedelten und industriell aktiven Gebieten sind enorm.
Die höheren Temperaturen und die stärkere Zirkulation im Luftmeer führen auch allgemein zu höheren Niederschlägen, mit Ausnahme der subtropischen Regionen, wo eher eine Ausdehnung der Trockengebiete wahrscheinlich ist.

Auswirkung auf das Überschwemmungsrisiko

Grundsätzlich gilt auch hier: Klimazonen werden sich verschieben und in der Zunahme von Extremen dokumentieren. In Europa sind ansteigende durchschnittliche Wintertemperaturen zu erwarten mit der Folge weiter zunehmender Winterniederschläge. Dabei ist schon gegenwärtig die Starkregenneigung zu beobachten. Bei einem Rückgang an Regentagen nehmen die Regenmengen wolkenbruchartig zu. Das Sturzflut- und Überschwemmungsrisiko ist außerhalb des Sommers gefährlich erhöht.
Die alpinen Gletscher haben bisher 30 % ihrer Fläche und ca. 50 % ihres Volumens verloren. Wer kann Zeichen diesen Ausmaßes übersehen? Um das Jahr 2050, also in naher Zukunft, etwas mehr als einem halben Menschenleben, werden die Alpengletscher verschwunden sein. Damit ist dann ein wichtiges Süßwasserreservoir für Mittel- und Südeuropa verloren.
Das bedeutet gewaltige, oft plötzliche Wasserabgänge der in den Alpen entspringenden Flüsse im Winter und dürftige Wasserführung im Sommer. Die negativen Auswirkungen auf Landwirtschaft, Wasserversorgung und Schifffahrt treffen uns spürbar.
Die Sommer in Europa werden deutlich heißer, die Niederschläge - wie erwähnt - extremer. Die landwirtschaftliche Produktion leidet abwechselnd unter Dürre und Überschwemmung mit Bodenerosion. Waldbrände vernichten in Dürreperioden wertvolle klimaregulierende Substanz bei gleichzeitiger Freisetzung zusätzlicher CO2-Mengen.
Von allen Naturereignissen sind Überschwemmungen die global häufigsten.
Sie fordern die meisten Todesopfer und verursachen die größten volkswirtschaftlichen Schäden.

Die Schäden der Klimaänderung -
Hypothek für die Wirtschaft und den Wohlstand Aller

In allen Industriestaaten hat sich der Einzelne ebenso wie die Unternehmen und Institutionen durch Versicherungen gegen die Nachteile unerwarteter Ereignisse geschützt. Daraus aber ist eine neue Gefahr unbemerkt erwachsen, der Glaube, gegen mehr oder weniger alles gewappnet zu sein. Das hat unser Risikobewusstsein ebenso gemindert, wie unser Glaube an die technische Macht des Menschen. In beiden Punkten werden wir die bisher gewohnten Denkweisen aufgeben müssen.
Es gibt keine technischen Mittel, die uns vor Klimaeinflüssen bewahren können. Und es gibt auch keine Versicherungen, die auf Dauer die finanziellen Einbußen in den zu befürchtenden Dimensionen tragen können. Die Prämien für die versicherten Risiken werden eines Tages unbezahlbar sein und damit wird jede Volkswirtschaft in hohem Maße verwundbar.
Verschlimmernd wirkt die weltweite Verstädterung. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist die Zahl der Millionenstädte von 83 im Jahre 1950 bis heute auf das Vierfache, auf 325 gestiegen.
Große Städte verursachen aber eine Verschärfung der in der Natur entstehenden Gefahren:

· Die Aufheizung ist in der Stadt größer, die Gesundheitsgefahren steigen
· Im Winter entstehen Inversionswetterlagen, Atemwegserkrankungen und Allergien werden noch mehr zunehmen
· Die Gewitterhäufigkeit nimmt durch thermische Konvektion über den heißen Städten zu,

Starkregen mit Überschwemmung, Blitzschlag und Brand, Hagelschäden an Gebäuden, Fahrzeugen und Versorgungseinrichtungen legen das Wirtschaftsleben zeitweise lahm und kosten gewaltige Geldsummen.
Das mögliche Schadensausmaß extremer Naturkatastrophen in einer der großen Städte oder Industriebereiche liegt nach seriösen Einschätzungen der Versicherungswirtschaft bereits in einer Größenordnung, die
"... den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems ganzer Länder zur Folge haben kann und möglicherweise sogar die Finanzmärkte auf der ganzen Welt in Mitleidenschaft ziehen kann. "
(Jahresrückblick Naturkatastrophen, Münchener Rück, 1996)
Das Wirtschaftsgefüge der Welt ist am Beginn des dritten Jahrtausends in scharfen Wettbewerb eingebunden. Die erdumspannenden Fusionen und Verflechtungen sind Ausdruck eines harten Kampfes um Kostenvorteil, Produktivität, soziales Balancieren und die Stellung im Markt. In einer derart angespannten Situation zwischen Vorteil, Gewinn und Risiko wirken die klimatisch unberechenbaren Faustschläge der Natur wie Sprengsätze. Zumindest lokal können in Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft Standorte ausfallen, deren Ersatz, wenn nicht unfinanzierbar, dann so teuer wird, dass die Folgen bis in den Lebensstandard auch der Industrieländer hineinwirken.

Das Leiden der betroffenen Menschen wird uns bald viel näher und viel häufiger vor Augen treten. Wollen wir untätige Zuschauer sein? Nur abwarten, was kommt? Keine Flucht ist möglich - nur eine Änderung unseres Verhaltens kann Schlimmeres abwenden.
Das nächste Jahrhundert muss, soll und kann zum Säkulum der Einsicht und der kritischen Vernunft werden. Lenken wir doch unseren ganzen Willen und unsere erwiesene Intelligenz auf die Ziele der Sicherung von elementaren Lebensgrundlagen!
Wir haben vieles falsch gemacht, aber auch Wissen und Fähigkeiten erworben, um unserer Geschichte einen neuen Lauf zu geben.